Wie gefährlich sind Bücher für totalitäre Staaten?
Der Spruch: „Bücher öffnen Welten“ ist so simpel, wie wahr. Offene Welten, ob in der Fantasie oder in der Realität bedeuten Machtverlust für diktatorische Regierungen. Wenn Bücher verbannt oder sogar verbrannt werden, bedeutet dies immer, dass auch die persönliche Freiheit zeitnah, in der Regel mit Gewalt, eingeschränkt wird. Über verbannte Bücher in den USA wird gerade viel geredet, hier daher heute mal ein kleiner Einblick in diesen Wahnsinn.
In Margaret Atwoods bereits 1985 erschienen Buch „Der Report der Magd“ befinden wir uns in einer provozierenden Vision eines totalitären Staats: Nach einer atomaren Verseuchung ist ein großer Teil der weiblichen Bevölkerung unfruchtbar. Die Frauen werden entmündigt und in drei Gruppen eingeteilt: Ehefrauen von Führungskräften, Dienerinnen und Mägde. Letztere werden zur Fortpflanzung rekrutiert und sollen für unfruchtbare Ehefrauen Kinder empfangen. Auch die Magd Desfred (in der englischen Version Offred) wird Opfer dieses entwürdigenden Programms. Doch sie besitzt etwas, was ihr alle Machthaber, Wächter und Spione nicht nehmen können, nämlich ihre Hoffnung auf ein Entkommen, auf Liebe und auf Leben.
Desfreds Bericht ist voller Erinnerungen an ihr früheres Leben – an ihre Tochter, ihren Mann, an Freiheit und Liebe. In Rückblenden erzählt sie von den schrittweisen Veränderungen, die Gilead gebracht hat, und von ihrem Versuch, sich an Hoffnung und kleine Akte des Widerstands zu klammern. Die Sprache des Romans ist oft nüchtern, manchmal poetisch, und trifft mitten ins Herz. Durch Desfreds Perspektive bekommen wir einen intensiven Einblick in die psychologischen und emotionalen Folgen von Unterdrückung.
„Der Report der Magd“ ist mehr als eine Dystopie. Er ist eine Warnung, wie schnell Rechte verloren gehen können, besonders wenn Angst und Machtmissbrauch regieren. Dass das Buch in den USA immer wieder verboten wird, zeigt, wie sehr es den Finger in gesellschaftliche Wunden legt. Es ist ein Roman, der bewegt, erschüttert, und lange nach der letzten Seite im Kopf bleibt.
Spätestens seit der Serienverfilmung mit Elisabeth Moss in der Hauptrolle ist Atwoods Dystopie international wieder zum Bestseller geworden. Der Roman stellt seine Fragen an die Selbstbestimmung der Frau heute lauter und eindringlicher denn je. Übrigens wurde von diesem Buch 2022 von PEN America, ein US-amerikanischer Autorenverband, eine feuerfeste Ausgabe als starkes Symbol für das Bewusstsein der Buchverbote herausgebracht.
Melanie Brauchler
Buchhandlung Wandlitz
Wir leben Bücher und beleben Wandlitz
















