Biesenthal: Am 9. März 2026 werden in Biesenthal erstmals Stolpersteine verlegt – kleine Messingplatten im Gehweg, die an Menschen erinnern, die während der NS-Zeit verfolgt und ermordet wurden. Das europaweite Kunstprojekt des Künstlers Gunter Demnig gilt als das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Die Stolpersteine werden in der Regel vor den letzten frei gewählten Wohnorten der Opfer verlegt und sollen durch das „Stolpern im Kopf“ die Erinnerung an die Ermordeten und Verfolgten wachhalten.
Für die Verlegung von Stolpersteinen in Biesenthal hat sich zuerst die Stadthistorikerin Gertrud Poppe eingesetzt. Sie hat auch als erste versucht das Schicksal der NS-Opfer in unserer Stadt aufzuklären und zu dokumentieren. Diese Arbeit wird jetzt von einer kleinen Initiative fortgeführt, die sich über Interesse freut und gerne ihre Rechercheergebnisse mit anderen teilt.
Die ersten Stolpersteine werden im März für die jüdische Familie Abraham, die ein Geschäft am Markt führte, und für Emilie Weprajetzky, die aufgrund einer Behinderung von den Nazis ermordet wurde, verlegt.
Familie Abraham – vertrieben und deportiert
Adolf und Adeline Abraham zogen ca. 1911 mit den fünf jüngeren ihrer sieben Kinder von Sellnow nach Biesenthal. Sie übernahmen hier das Kaufhaus am Markt von Gustav Löwenthal und führten ein Geschäft für Weißwaren (=Porzellan), Stoffe und Kleidung.
Die Abrahams waren Angehörige der Synagogengemeinde und es ist anzunehmen, dass die Familie religiös war und sich der jüdischen Kultur verbunden fühlte. Mehrere Söhne kämpften im Ersten Weltkrieg; der Jüngste, Julius, fiel am 24. August 1914 an der Front. Die Söhne Herbert und Leo wurden jeweils mit dem Eisernen Kreuz zweiter Klasse ausgezeichnet.
Nach dem Tod des Vaters 1916 übernahm Leo Abraham das Geschäft. Er heiratete Johanna Schoeps, das Paar bekam in den 1920er Jahren zwei Kinder: Günther Julius und Helga Adda. Auch Leos Schwester Sidonie (genannt Toni) lebte in Biesenthal und arbeitete wahrscheinlich als Verkäuferin im Familiengeschäft. Die älteste Tochter Margarete (Grete) führte mit ihrem Mann Gustav Borchard zur selben Zeit ein Lebensmittelgeschäft ein paar Häuser weiter in der Breite Straße.
1933 lebte die Familie bereits seit über 20 Jahren in Biesenthal. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann die systematische Verfolgung. Vor dem Laden wurden eine Tafel aufgestellt auf der namentlich alle genannt wurden, die bei den Abrahams einkauften. Es gab starken öffentlichen Druck, das Geschäft zu meiden und wer dies nicht tat wurde öffentlich angeprangert. Eine Zeitzeugin erinnerte sich, dass sie als Kind gezwungen wurde, ein bei Abrahams gekauftes Kleid zurückzugeben.
1935 mussten die Kinder Günther und Helga die Grundschule verlassen. 1938 sah sich die Familie gezwungen, Geschäft und Haus aufzugeben – die Biesenthaler Sparkasse übernahm das Gebäude und eröffnete dort im Dezember ihre Filiale.
Wie viele jüdische Familien aus dem Berliner Umland zogen die Abrahams nach Berlin, in der Hoffnung, in der Anonymität der Großstadt nicht sofort als jüdisch erkannt zu werden. Die Familie wohnte ab Sommer 1938 in der Flensburger Straße 7 in Berlin-Tiergarten. Doch die Situation verschärfte sich weiter: Ab 1939 mussten alle jüdischen Menschen die Zwangsnamen „Sara“ bzw. „Israel“ tragen, ab September 1941 den Judenstern. Mit Kriegsbeginn folgte Zwangsarbeit, Schulverbote und vielfältige Schikanen.
Im November 1941 wurde Werner Falk, der etwa gleichaltrige Cousin der Kinder, als Erster der Familie deportiert und in Kauen kurz nach seiner Ankunft ermordet. Anfang 1942 wurde Tante Grete Borchard nach Riga verschleppt. Am 12. Januar 1943 wurden Leo und Johanna Abraham zusammen mit ihren Kindern Günther und Helga sowie Tante Sidonie nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Fast alle Kinder und Enkelkinder von Adolf und Adeline Abraham sind im April 1945 tot. Die meisten wurden von den Nazis ermordet. Nur von den drei Söhnen von Grete Borchard, die bis 1933 ebenfalls in Biesenthal wohnten, ist bekannt, dass sie überlebten.
Emilie Weprajetzky – Opfer der Krankenmorde
Emilie Weprajetzky wurde am 10. März 1892 in Biesenthal geboren. Sie hatte ab Geburt eine wahrscheinlich geistige Behinderung und war das jüngste von zehn Kindern. Sie wurde auf der Hellmühle geboren, lebte lange mit ihrer Mutter in der Berliner Straße und möglicherweise zeitweilig in der Grünstraße, später zogen beide zu ihrem ältesten Bruder Franz in die Hardenbergstraße 8 (damals Lindenstraße).
Laut Familienangaben lebte Emilie recht isoliert, war aber in der Nachbarschaft bekannt. Sie versteckte sich regelmäßig hinter der Hecke und beobachtete Kinder beim Spielen.
Die Nazis begannen früh Menschen mit Behinderungen auszugrenzen und sie einseitig als gesellschaftliche Belastung und Gefahr darzustellen. Es gehörte zur Rasse-Ideologie der Nazis die eigene völkische Überlegenheit zu propagieren; Menschen wie Emilie passten nicht ins Bild und wurden zunehmend behördlich überwacht.
1937 wurde Emilie auf Basis des NS-Gesetzes „zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ und auf Anordnung des sogenannten „Erbgesundheitsgericht“ Prenzlau zwangssterilisiert. Anfang 1939, im Alter von 47 Jahren, wurde sie von ihrem Bruder Emil in die Landesanstalt Eberswalde eingewiesen, der zu diesem Zeitpunkt auch als ihr Vormund fungierte. Die Krankenakte enthält kaum persönliche Informationen – es geht fast nur um die Finanzierung ihrer Unterbringung und um ihre Sterilisierung. Ein konkreter Anlass für die Einweisung lässt sich aus der Akte nicht erkennen. Auch über mögliche Therapien oder Behandlungen gibt es keine Informationen. Die Vermutung liegt nahe, dass Emilie in Eberswalde nur verwahrt wurde.
Den einzigen Einblick in ihre Persönlichkeit gibt eine Notiz vom 5. April 1940, in der die Anstaltsleitung sie gegenüber anderen staatlichen Stellen als besserwisserisch und streitsüchtig beschreibt. Dies ist zugleich der letzte Eintrag in ihrer Akte vor ihrer von oben angeordneten „endgültigen Entlassung“ und diente möglicherweise bereits der Rechtfertigung ihrer Ermordung. Auch wenn sie aus Täterhand stammt, lässt diese Beschreibung aber vermuten, dass Emilie sich nicht widerstandslos anpasste, sondern selbstbewusst war, eigene Vorstellungen und Werte hatte und ihre Meinung sagte.
Am 4. Juli 1940 wurde sie zusammen mit ca. 60 weiteren Patientinnen aus Eberswalde in die T4-Tötungsanstalt Brandenburg an der Havel gebracht und dort mit Kohlenmonoxid ermordet. Die Familie wurde dann unter einer fingierten Todesursache über ihren Tod informiert. Nach bisherigem Recherchestand war sie die erste Biesenthalerin, die von den Nazis ermordet wurde.
Gegen das Vergessen
Die Verlegung der Stolpersteine am 9. März 2026 beginnt um 14 Uhr in der Hardenbergstraße 8 mit dem Stein für Emilie Weprajetzky. Danach folgt um 15 Uhr die Verlegung für Leo, Johanna, Günther und Helga Abraham und Ernestine Schoeps vor der Apotheke am Markt 5 und für Toni (Sidonie) Abraham Am Markt 3. Im Anschluss gibt es einen musikalischen Gedenkmoment am Marktplatz und die Möglichkeit eine kleine Ausstellung zu den NS-Opfern aus Biesenthal im Rathaus zu besichtigen.
Die Verlegung ist öffentlich und alle Interessierten sind herzlich eingeladen.
Elliot Müller, Januar 2026
Kontakt: NS-Gedenken-Biesenthal@posteo.de
















