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Barnim Aktuell » Buntes » FALLING

FALLING

Aufwühlende Familiengeschichte aus dem gespaltenen Amerika. Für das Heidekrautjournal sprach Philipp Teubner mit Regisseur Viggo Mortensen
  • 30. November 2020
  • Buntes
Viggo Mortensen
Viggo Mortensen vor dem Filmplakat, Foto: Prokino
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Viggo Mortensen ist seit seinem Auftritt als strahlender König Aragorn in „Herr der Ringe“ ein Filmstar. Neben Arbeiten in teuren Großproduktionen fiel er uns als ausgesprochen wandelbarer Mime in diversen Arthouse-Produktionen auf. So wurde er für seine Rolle im Gangsterdrama „Eastern Promises“ 2008 zum ersten Mal für den Oscar vorgeschlagen. 2019 wurde er für „Green Book“ bereits zum dritten Mal Oscar-nominiert, in dem er als Italo-amerikanischer Kleinkrimineller den Job übernimmt, einen schwarzen Jazz-Pianisten durch die USA der Sechziger Jahre zu fahren. Seine anfänglichen rassistischen Ressentiments weichen irgendwann einer echten Freundschaft.

Jetzt hat Viggo Mortensen mit FALLING sein Regiedebüt abgeliefert. Ein sehr aktueller Film über die Spaltung der Amerikanischen Gesellschaft als aufwühlende Familiengeschichte – auch eine Geschichte über Alter und Demenz, Verantwortungsgefühl und Vergebung. Er beschreibt dieses Erschrecken vor den beängstigenden Veränderungen, die in dementen Menschen vor sich gehen – unsere Hilflosigkeit, das zu erdulden und helfen zu können, ihnen beizustehen. In einer immer älter werdenden Gesellschaft ist dies auch in der Kunst ein wichtiges Thema. Viggo Mortensen hat jahrelang für seinen Film gekämpft – als Autor, Regisseur, Produzent, Komponist und Hauptdarsteller in Personalunion. Er hat all die gängigen Hindernisse, die sich Interdependent-Filmen in den Weg legen, schließlich überwunden und einen großartig gestalteten und inszenierten Film abgeliefert. 

In Corona-Zeiten kaufte er sich extra ein Auto, um durch Europa zu fahren und mit uns über diesen Film sprechen zu können.
 
Viggo Mortensen: „Nun, ich bin kein Egomane oder so etwas. Ich habe einfach eine lange Zeit mit dem Projekt als einziger Produzent, als Autor gelebt. Und irgendwann haben wir Geld bekommen, und dann haben wir das Geld wieder verloren. Das passiert oft bei Independent-Filmen –  die Finanzierung ist schwierig! Das erste Mal versuchte ich es vielleicht vor 24 Jahren mit einer anderen Geschichte. Und ich bekam einen Teil des Geldes, aber nicht genug zum Drehen. Ich wollte schon so lange Regie führen. Aber mit FALLING musste ich es auch ein paar Mal versuchen, bevor genug Geld da war. Und während ich den Film vorbereitete, arbeitete ich allein. Als wir drehten, hatte ich z.B. bereits den größten Teil der Musik fertig. Und wissen Sie, als Produzent musste ich einfach versuchen, Partner zu finden die den Weg mit mir gehen und letztendlich machte ich so viele verschiedene Jobs. Aber vielleicht wird es bei meiner nächsten Regiearbeit nicht wieder so lange dauern und ich werde vielleicht auch nicht ganz so viele Jobs machen müssen.“Der Pilot John (Viggo Mortensen) wuchs mit einem Vater voll Aggression und Engstirnigkeit auf. Willis hat immer versucht sein konservativ geprägtes Weltbild durchzusetzen und hält als Farmer im Mittleren Westen nichts vom weltoffenen Lebensentwurf seines offen homosexuellen Sohnes. Als der alleinlebende Mann auch noch an Demenz erkrankt, will ihn John, trotz aller schmerzhaften Differenzen, zu seiner Familien nach Kalifornien holen. Der 1940 geboren Lance Henriksen übernahm die eindrucksvolle Rolle des Vaters. 

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Filmbild, Foto: Prokino

Viggo Mortensen: „Lance ist schon seit langer, langer Zeit aktiv. Er hat fast 280 Filme gemacht. Ich weiß nicht, ob er überhaupt alle gesehen hat. Viele davon sind Genrerollen, aber er hat mit einigenwichtigen Regisseuren zusammengearbeitet, mit Sidney Lumet, James Cameron, Steven Spielberg usw. Er ist wirklich gut, doch er hatte noch nie eine so anspruchsvolle Rolle wie Willis in FALLING. Ich ahnte, dass er etwas Besonderes machen würde, aber er tat noch viel mehr als ich mir erträumt hatte. Es ist eine sehr mutige, verstörende und sehr komplexe Darstellung. Die Zusammenarbeit mit ihm bei der Vorbereitung dieses Films hat mir sehr viel Spaß gemacht, auch wenn er anfänglich gezögert hat – er sagte: „Nun, es wird schwierig werden, denn ich werde einige Gefühle aus meiner Kindheit erforschen müssen.“ Und dann begann er, mir von seinem Leben zu erzählen. Er konnte nicht einmal lesen, bis er 30 Jahre alt war. Er ist in New York auf der Straße aufgewachsen, und er hatte eine sehr schwierige Kindheit. Er erforschte also, an was er sich über seine Eltern erinnert und es ist großartig, was er daraus entwickelt hat.“ 

Viggo Mortensen hat das hochemotionale Sujet bemerkenswert unsentimental, dafür aber umso glaubwürdiger inszeniert. Und er organisiert sein kunstvoll gebautes System von Rückblenden und Erinnerungsfragmenten mit bemerkenswerter Schönheit und Stilsicherheit.

Viggo Mortensen: „Ursprünglich wollte ich die Geschichte erzählen, weil ich meine Gefühle –  meine Erinnerungen über meine Gefühle –  für meine Mutter erforschen wollte. Aber dann wurde es eine Geschichte über familiäre Erinnerungen aus meiner Kindheit, meiner Jugendzeit und so weiter. Und während ich über diese Dinge nachdachte, bemerkte ich, wie subjektiv unsere Wahrnehmungen, wie subjektiv und unzuverlässig unsere Erinnerungen wirklich sind. In gewisser Weise sind Erinnerungen für die meisten Menschen eher Gefühle als Fakten. Wir denken, dass die Gegenwart bereits verwirrend ist und wir wissen nicht, was die Zukunft sein wird – aber denken wir an die Vergangenheit wähnen wir uns in der Sicherheit, dass es Fakten sind, während wir eigentlich nur fühlen was passiert ist. Wenn man mit jemandem über das gleiche Ereignis, die gleiche Person spricht, hat man oft leicht unterschiedliche Vorstellungen über die Details, ja sogar große Meinungsverschiedenheiten darüber, was tatsächlich geschehen ist. Und in dieser Geschichte sieht man die beiden Hauptfiguren, den Vater und den Sohn, die sich über ihre Gefühle und über ihre Erinnerungen uneinig sind. In Filmen erlebt man diese Krankheiten – Demenz, Alzheimer – gewöhnlich aus der Sicht der Beobachter, und sie schauen auf eine Person, die sehr verwirrt zu sein scheint. In Wirklichkeit habe ich bemerkt, dass diese normalerweise selbst nicht so verwirrt sind. Es ist der Beobachter, der verwirrt ist. Für sie ist die Gegenwart anders und alle ihre Erinnerungen sind so subjektiv. Deshalb habe ich versucht, dies mit Ton und mit Bild zu darzustellen und manchmal ist das nur dieser eine Ton oder das Bild, das diese Person kennt.“ 

Es gehört zu den Stärken amerikanischer Filme, dass neben überwältigenden Großproduktionen auch immer wieder in Interdependent-Produktionen Lebensrealitäten präzise und poetisch gezeigt werden und uns so auch in diesen Zeiten der Pandemie Lust auf Kino gemacht wird.                                

Von: Philipp Teubner
Tags: Popcornzeit

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