Das Stoffmusterbuch der Seidenwarenfabrik C.W. Oehme
Objekt 5 von 7.000 Stadtarchiv
Wer heute durch Bernau spaziert, denkt vermutlich nicht als Erstes an Mode, Glanz und feine Stoffe. Doch vor einigen Jahrhunderten war die Stadt ein pulsierendes Zentrum des Textilhandwerks. Tuchmacher und Wollweber prägten das Stadtbild und verhalfen Bernau und seinen Bewohnenden bis ins 16. Jahrhundert zu beachtlichem Wohlstand.
Dann kamen Pest, Krieg und Zerstörung — und mit ihnen ein abruptes Ende der Blütezeit. Erst später, im 18. Jahrhundert, begann sich das Handwerk langsam zu erholen. Als die Industrialisierung Einzug hielt, öffnete sich ein neues Kapitel: Bernau wurde zu einem bedeutenden Standort der Seidenweberei. Mitten in dieser Zeit des Aufbruchs gründete der Kaufmann Christoph Wilhelm Oehme im Jahr 1836 seine Samt- und Seidenwarenfabrik. Oehmes Fabrik brachte Hoffnung, Beschäftigung und neue Perspektiven.
Untergebracht war sie im ehemaligen Damköhler’schen Wohnhaus, direkt neben dem Berliner Tor — dort, wo heute die Berliner Straße 48/50 liegt. Die Fabrik wuchs rasant: 1869 kam eine dritte Etage hinzu, 1872 ein zweites Fabrikgebäude und 1878 stampfte eine Dampfmaschine im Takt der neuen Zeit. Doch wie so oft in der Geschichte hielt der Erfolg nicht ewig. Nach dem Zweiten Weltkrieg schlossen die letzten Textilbetriebe in Bernau ihre Tore. 1955 endete auch die Geschichte der Seidenwarenfabrik C. W. Oehme. Die Modehochburg Bernau blieb ein Traum, aber einer, der Spuren hinterlassen hat.
Eine dieser Spuren ist besonders eindrucksvoll: das Stoffmusterbuch der Seidenwarenfabrik. Ein großformatiger Band, schwer in der Hand und reich an Farben, Strukturen und Mustern. Rund 570 Stoffproben enthält er — Seide, Samt, Borten, Kordeln. Ein Katalog, mit dem Händler und Kundschaft einst die Vielfalt der Bernauer Textilkunst bestaunen konnten, ohne die Fabrik betreten zu müssen.
Heute liegt dieses Buch im Stadtarchiv — ein Schatz, der die Geschichte einer ganzen Branche erzählt. Doch die Zeit hat Spuren hinterlassen. „Das Stoffmusterbuch befindet sich zur Zeit in einem restaurierungsbedürftigen Zustand. Das Stadtarchiv macht es sich zur Aufgabe, diesen Schatz der Bernauer Textilgeschichte zu erhalten und zu bewahren“, sagt Katrin Busch, die Leiterin des Bernauer Stadtarchivs.















