Eberswalde: Glück und Gesundheit zählen zu den wichtigsten Wünschen zum Jahreswechsel. Die Klinikschule des GLG Martin Gropius Krankenhauses in Eberswalde führt ab Januar „Glück“ als Unterrichtsfachein. Das soll die Patienten bei der Therapie und für ihren Weg durchs Leben stärken.
Viele junge Patientinnen und Patienten der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters müssen zur Behandlung längere Zeit stationär oder teilstationär im Krankenhaus verbringen. Damit sie währenddessen den schulischen Anschluss nicht verlieren, erhalten sie Unterricht in der Klinikschule – vor allem in Kernfächern wie Deutsch, Mathematik, Englisch. Die Lehrer arbeiten eng mit den Ärzten und Therapeuten zusammen, um individuelle Lernpläne zu erstellen,damit die schulische Wiedereingliederung nach dem Klinikaufenthalt gelingt. Das neue Fach„Glück“ setzt nun einen besonderen Akzent. Der Glücksunterricht ist nicht mit anderen Fächern zu vergleichen und stellt auch die Lehrkräfte vor Herausforderungen.
„Die besondere Situation der Klinikschule einer Kinder- und Jugendpsychiatrie verlangt pädagogischeKonzepte, die über die reine Wissensvermittlung hinausgehen“, erläutert der Klinikschullehrerund stellvertretende Klinikschulleiter Mike Wisseroth. „Viele Schülerinnen und Schüler befinden sich in psychisch belastenden Lebenslagen, in denen Fragen nach Sinn, Orientierung und persönlicher Perspektiveeine zentrale Rolle spielen. Das geplante Schulfach ist als philosophisch und lebenspraktischorientierter Lernbeitrag konzipiert. Es grenzt sich klar von psychologischen oder therapeutischen Aufgaben ab, die weiterhin ausschließlich in der Verantwortung der klinischen Fachkräfte liegen. Ziel ist es, einen schulischen Denk- und Gesprächsraum zu schaffen, in dem grundlegende Aspekte menschlicherExistenz reflektiert werden können.“
An der Spitze möglicher Themenfelder steht dabei die Frage: Was ist Glück? Ein Sechser im Lotto, Gesundheit, sich Verlieben, einen Sinn finden im Leben? Geht man dem tiefer nach, eröffnen sich unendlichviele Facetten und Sichtweisen. „Das beginnt bei Überlegungen von Philosophen der Antike und führt uns bis in ganz alltägliche Situationen der Gegenwart hinein“, sagt Mike Wisseroth. „JederMensch möchte glücklich sein. Aber was bedeutet das genau? Bei psychischen Erkrankungen kann die Auseinandersetzungmit dem Thema unter anderem dazu beitragen, dass die Schülerinnen und Schüler sich nicht ausschließlich über ihre Erkrankung definieren, sondern sich als denkende, wertvolle Persönlichkeiten erleben, eine eigene Haltung entwickeln, das Leben – wie wir sagen – als offenes Projekt angehen und die damit verbundenen Herausforderungen mutig, mit Neugier und mit Freude meistern. Philosophische Zugänge und Elemente der Lebenskunst ermöglichen dabei eine sinnorientierte Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben, ohne therapeutische Prozesse zu überlagernoder zu ersetzen.“
So dringt man Schritt für Schritt letztlich zu Fragen vor wie: Was gibt meinem Leben Bedeutung? Welche Werte tragen mich in schwierigen Zeiten? Gibt es Sinn auch im Leid? Welche Rolle spielen Freundschaft, Vertrauen, Zugehörigkeit, Alleinsein, Einsamkeit, Verantwortung für sich und andere? Und nicht zuletzt: Warum gibt es kein Dauer-Glück?
„Wir wollen den Schülerinnen und Schülern in diesem Rahmen auch Wege des Umgangs mit Scheitern, Unsicherheit und Unvollkommenheit vermitteln und die Bedeutung von Dankbarkeit, Aufmerksamkeit,Akzeptanz, Maßhalten und anderem herausarbeiten“, sagt Mike Wisseroth. „Dabei üben wir unter anderem kleine Rituale und Verhaltensmöglichkeiten, die ganz praktisch in den Alltag einfließenkönnen.“
Die Klinikschule des GLG Martin Gropius Krankenhauses verfügt über 60 Plätze und gehört verwaltungsmäßig zur Johann-Wolfgang-von-Goethe-Schule Eberswalde, die ein breites Bildungsangebotvon der einfachen Berufsschulreife bis zur Fachoberschulreife mit der Berechtigung, die gymnasialeOberstufe zu besuchen, bietet. Die Erfahrungen mit der Einführung des Unterrichtsfaches „Glück“ ander Klinikschule werden hier ganz sicher auch auf übergreifendes Interesse stoßen – weil das Themagenerell für jeden Menschen, gerade am Anfang des Lebens, für die eigene Orientierung und Zielbestimmung eine wesentliche Rolle spielt.
„Außerdem fördert das Fach die Fähigkeit zur Selbstreflexion und zum sprachlichen Ausdruck sowiedas Erleben von Selbstwirksamkeit und persönlicher Identität, und es trägt zur Entwicklung sozialer Kompetenzen bei – wie Zuhören, Perspektivübernahme und respektvoller Dialog“, sagt Mike Wisseroth.„Methodisch kommen Gespräche, kurze Texte, Impulse, Schreibübungen, Gedankenexperimenteund kreative Zugänge zum Einsatz. Eine Leistungsbewertung erfolgt nicht, gefragt sind Beteiligung und Reflexion, nicht richtige Antworten. Denn die kann sich letztlich nur jeder selbst geben.“
Über die Schwierigkeit, das Glück dingfest zu machen, schrieb auch der Dichter Erich Kästner: „Glückist ein verhexter Ort. Kommt dir nahe. Weicht zur Seite. Sucht vor Suchenden das Weite. Ist nie hier.Ist immer dort.“ So sucht am Ende jeder ganz persönlich für sich nach dem Glück und trägt seine individuellen Glücksvorstellungen und -wünsche in sich – wenn am Silvester-Abend wieder aus Tischfeuerwerkenmit lautem Knall Konfetti, Gold- und Silberglanz und kleine Glücksbringer, wie Schornsteinfeger,Schweinchen, Kleeblätter, Hufeisen und Marienkäfer, in die Wohnzimmer regnen werden.
















