Immer mehr Kreißsäle schließen, Kitas reduzieren ihre Kapazitäten oder müssen den Betrieb gar ganz einstellen. Selbst geplante Grundschulbauten werden in Frage gestellt. Schlagzeilen die man in letzter Zeit, vor allem in den neuen Bundesländern, immer häufiger liest. Die niedrige Geburtenrate, begründet durch die hohen Lebenshaltungskosten, den Klimawandel oder den Krieg in der Ukraine, ist als ursächlich ausgemacht. Doch reicht diese Erkenntnis für eine belastbare Planung der Kommunen und Länder? Für den Blick in die Zukunft wird häufig ein wesentliches Element übersehen.
Die Geburtenrate in Deutschland schwankte in den letzten 50 Jahren relativ gering um im Schnitt 1,47 Kinder pro Frau und liegt damit nicht wesentlich entfernt vom aktuellen Wert von 1,35. Deutschland liegt damit im internationalen Vergleich im hinteren Mittelfeld und damit noch weit entfernt von Ländern wie China mit 1,01 oder Schlusslicht Südkorea mit 0,75 Kindern pro Frau. So sind es vor allem die Länder Afrikas sowie des Nahen und Mittleren Ostens, die mit hohen Geburtenraten den globalen Durchschnitt auf 2,2 heben. Auffällig ist, dass Bildungsniveau, die Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln aber auch das Maß der Gleichstellung von Frau und Mann in einer Gesellschaft mit der Geburtenrate korrelieren. Je besser diese Faktoren ausgeprägt sind, desto weniger Kinder werden geboren.
Die Betrachtung der Geburtenrate allein ist jedoch trügerisch, da sie kein Maßstab ist, sondern lediglich ein Faktor. Soll heißen, ohne das Wissen um die Anzahl der Frauen im Altersband von 15 bis 49 Jahren lassen sich daraus keine konkreten Ableitungen treffen. Und genau hier liegt die Herausforderung vor allem für die ostdeutschen Flächenländer.
Während der Fall der Mauer in der BRD keinen unmittelbaren Einfluss auf das eigene Leben hatte, begann in den neuen Bundesländern eine Phase großer Unsicherheit. In der Folge brach die Geburtenrate hier um teilweise um mehr als die Hälfte ein. Verstärkt wurde dieser Einbruch noch durch die Abwanderung junger Menschen in die alten Bundesländer. Vergleich man die beiden Generationen, die jeweils 10 Jahre vor bzw. ab 1991 zur Welt gekommen sind, wird das Problem greifbar. So stehen in Brandenburg 175.000 Frauen vor 1991 geboren nur noch 92.000 ab 1991 geborenen Frauen gegenüber, also 47 % weniger. Der Trend setzt sich über die Kreise und Kommunen beliebig fort. In Barnim ist diese Generation Frauen bspw. 53% geringer als die 10 Jahre zuvor, in Wandlitz sind es gar 63 % weniger, also ein Verhältnis von fast 3:1. Selbst im angrenzenden Berlin Pankow sind es 31% weniger.
Wenn man im Ergebnis die Anzahl der Geburten stabil halten möchte, um zunächst die Auslastung unserer Kitas und Grundschulen in den nächsten Jahren sicherzustellen, würde für Brandenburg eine Geburtenrate von 2,53, für den Barnim von 2,84 und für Wandlitz von 3,58 Kindern pro Frau nötig sein; rein rechnerisch. Und so bleibt schon die Bewahrung des Ist-Zustandes eine politisch gern propagierte Vision, welche durch die Macht der Zahlen jedoch objektiv zur Illusion verkommt.
Das Alter der Frauen bei Geburt ist normalverteilt und liegt in Deutschland im Durchschnitt bei 31,8 Jahren. Bis zu diesem Alter nimmt die Wahrscheinlichkeit einer Frau Mutter zu werden zu und danach wieder ab. Und hierin liegt auch die Begründung dafür, warum diese Entwicklung lange absehbar war, wir die Auswirkungen aber erst jetzt erleben. Frauen die vor der Wiedervereinigung geboren wurden, sind jetzt mindestens 34 Jahre alt und damit auf der absteigenden Seite der Verteilungskurve. Die Generation ab 1991 ist gerade am Scheitelpunkt der Verteilungskurve bzw. kurz davor und einfach zu klein, um an die Geburtenzahlen der letzten Jahre anknüpfen zu können. Die Politik plant dennoch weiter mit Kindern von Frauen, die nie geboren wurden.
Die Folgen für Staat und Gesellschaft sind bereits seit Jahrzehnten bekannt, die Schwere und Tragweite aber werden gern verdrängt. In einem Deutschland, was immer älter und die arbeitende Bevölkerung immer weniger wird, stehen alte Gewissheiten vor ihrem aus. Die Schieflage in unseren sozialen Sicherungssystemen wird seit Jahren mit Zuschüssen aus dem regulären Bundeshaushalt stabilisiert und dafür stets weitere Schulden aufgenommen. Doch sind es diese Schulden, die meine Generation und die meiner Kinder zurückzahlen muss.
Das wir uns nicht falsch verstehen, das „Zurückzahlen“ wird nicht in Form von Überweisungen an den Staat oder gar Zwangsenteignung stattfinden. Wir werden es mit unserem Lebensstandard bezahlen, der durch fehlende Finanzmittel nicht zu halten sein wird. Durch die stetig steigende Schuldenlast werden immer mehr öffentliche Haushalte von der Kommune bis zu ganzen Staaten in Schieflage geraten, Kreditzahlungen nur noch über neue Schulden bedienen können und so immer weiter in der Bonität fallen. Aktuell durchlebt Frankreich diese Entwicklung mit der Herabstufung von „AA-„ auf „A+“ und der damit verbundenen Zinserhöhung auf französische Staatsanleihen auf etwa 3,5 %.
Ist der Trend umkehrbar?Aus eigener Kraft heraus, nein. Eine konstante Geburtenrate von 1,35 halbiert die Geburten zwei Generationen später. Doch wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen. Diese Transformation muss also aktiv mit einer Mischung wirkungsvoller Familienpolitik, bedarfsgerechter Einwanderung und Haushaltsdisziplin gestaltet werden. Für wirkungsvolle Ansätze muss man nicht weit blicken. In Ungarn zahlen Mütter nach dem zweiten Kind keine Einkommenssteuer mehr. Dies unterstützt nicht nur die Familiengründung, sondern auch die Rückkehr ins Berufsleben. Frankreich fördert Familien verstärkt ab dem dritten Kind, bspw. mit dem Wegfall der Kfz-Steuer auf das Familienauto. In Anerkennung dieser Realitäten muss sich auch unsere Migrationspolitik verstärkt auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes und die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Einwanderer fokussieren.
Das unser Lebensstandard unter Druck steht spürt heute bereits ein Großteil der Bevölkerung. So kommt es künftig besonders darauf an, unsere öffentlichen Haushalte leistungsfähig zu halten, denn ohne Reserven sind wir dazu verdammt, nur noch Beobachter großer Ereignisse zu sein. Und eins ist Fakt, so können wir unseren Kindern diese Welt nicht übergeben.

















